Keime
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GEFÄHRLICHE KEIME IM KRANKENHAUS |
Antibiotika-resistente Keime breiten sich, so zeigen jüngste Berichte im New English Journal of Medicine, in Europa und den USA, zunehmend nicht nur in Krankenhäusern aus, sondern sind auch außerhalb von Kliniken auf dem Vormarsch. Statistiken zeigen auf, dass Deutschlands Kliniken zu Bruststätten gefährlicher Keime geworden sind, in denen sich jährlich etwa eine halbe Million PatientInnen (Experten schätzen sogar noch mehr) infizieren (ähnliches gilt auch für Österreich). Dramatisch etwa nimmt die Ausbreitung von Methicillin-resistenten Stämmen von Staphylococcus aureus (MRSA) zu. Methicillin ist ein Antibiotikum, und wenn eine Staphylococce gegen dieses Mittel resistent ist, sind auch fast alle anderen Antibiotika wirkungslos. Inzwischen machen diese Keime etwa 20 Prozent aller nosokomialen, in deutschen Krankenhäusern erworbenen Infektionen aus. Etwa 40.000 bis 50.000 PatientInnen erkranken in Deutschland jährlich an einer MRSA-Infektion und zumindest 1.500 von ihnen sterben daran.
Problemlos ist das Bakterium bei einem intakten Immunsystem und findet sich als harmloser Parasit auf der Haut und in der Nase. Bei einem immungeschwächten Patienten hingegen verursacht es Haut-, Knochen- und Lungenentzündungen sowie eitrige Abszesse. Wenn es schlimm kommt, erkranken die Patienten an Sepsis, wobei vier von zehn Betroffenen an der Blutvergiftung sterben.
Lange Zeit
hatten die Mediziner mit einer Vielzahl potenter Antibiotika gegen solche
und andere Krankenhauskeime scharfe Waffen in der Hand. Doch gerade der
große und teilweise sorglose Einsatz dieser Medikamente führte dazu, dass
sich Keime ausbildeten, die über Resistenzen verfügen, die den
Wirkmechanismen der Medikamente aushebeln. Zudem mangelt es an neuen
Medikamenten, die im Notfall als Reserve gegen resistente Erreger eingesetzt
werden können. Kaum eine Pharma-FIrma hat in den letzten Jahren in die
Entwicklung neuer Antibiotika investiert. Zu gering scheinen die Aussichten
auf eine (großzügige) Deckung der Entwicklungskosten.
Antibiotika-Einsatz und Resistenzen
In einer von The Lancet veröffentlichten Studie wurde die Verschreibungspraxis in 26 Ländern Europas zwischen 1997 und 2002 untersucht. Deutlich waren hier die Unterschiede zwischen den nordischen Nationen, die mit Antibiotika äußerst sparsam umgingen, und den südlichen Nationen, die sie wesentlich großzügiger ausgaben. In Frankreich, dem Spitzenreiter bei den "großzügigen" Nationen verwendeten die Ärzte dreimal so viel Antibiotika pro 1.000 Einwohner als in den Niederlanden, dem Land mit der niedrigsten Verschreibungsrate.
Diese beiden Nationen weisen auch den größten Unterschied in der Verbreitung resistenter Keime auf. Fast die Hälfte aller Streptokokken in den Proben von französischen Patienten waren unempfindlich gegen Penicillin. In den Niederlanden hingegen fanden sich nahezu keine resistenten Erreger.
Ein ähnlich klarer Zusammenhang fand sich auch bei den Vielverschreibern Spanien, Portugal, Ungarn und Slowenien und den zurückhaltenden Dänen, Schweden und Finnen auf der anderen Seite. In Skandinavien und den Niederlanden zeigen sich auch die geringsten Probleme mit MRSA. Entgegen dem weltweiten Trend gelingt es allen vier Ländern seit Jahren, den Anteil Methicillin-resistenter Staphylokokken unter zwei Prozent zu halten.
Als einziger "Ausreißer" in diesem Nord-Süd-Gefälle findet sich Großbritannien - als Spitzenreiter für die Ausbreitung von MRSA -, wo heute etwa 44 Prozent aller Keine gegen herkömmliche Antibiotika resistent sind.
Das Robert-Koch-Institut (RKI) in Deutschland befürchtet, dass sich auch in Deutschland bald ähnlich schlimme Verhältnisse wie in Großbritannien entwickeln könnten, so dass manche Patienten sich lieber gar nicht erst im Krankenhaus behandeln lassen, um nachher nicht noch kränker aus der Klinik herauszukommen. Kritisiert wird die vielfach inkompetente ärztliche Antibiotika-Gabe bei Erkrankungen, bei denen sie nicht helfen, oder aber die Verordnung schlichtweg falscher Präparate.
Ein
wesentlicher Aspekt, so Krankenhaushygieniker, die Verbreitung resistenter
Keime zu unterbinden, wäre die Eindämmung des weit verbreiteten
Hygiene-Schlendrians. Als beste Gegenmaßnahme wird die konsequente
Desinfektion betrachtet, und hier insbesondere die Händehygiene, die vor
allem von männlichen Ärzten immer wieder nachweislich vernachlässigt wird.
Hygiene im Haushalt
Ähnlich verhält es sich mit der Hygiene im Haushalt. Hygieneexperten halten häufiges Händewaschen für wichtiger als übertriebene Sauberkeit durch antibakterielle Haushaltsreiniger. In Küche und Bad finden sich zwar massenhaft Keime, aber mehr als 99 Prozent davon sind für den Menschen ungefährlich. Hauptinfektionsquelle ist der Mensch, vor allem die Hände - allerdings wäscht sich, statistisch betrachtet, nur etwa jede/r zweite nach dem Toilettengang die Hände. Antibakterielle Haushaltsreiniger hingegen werden von den meisten Experten als unnötig angesehen, ja sogar als bedenklich, da das Immunsystem die Auseinandersetzung mit Keimen benötigt, um für den Ernstfall gewappnet zu sein.
Gleichwohl ist ein gewisses Maß an Sauberkeit, vor allem in Toilette und Bad, wichtig. Besondere Bakterienherde sind feuchte Handtücher, auch Spül- und Waschlappen und -schwämme, die deshalb regelmäßig (Experten empfehlen täglich) ausgetauscht und gewaschen werden sollten.
Der zweite Brennpunkt im Haushalt ist der Kühlschrank, der durch falsche Lagerung der Lebensmittel, zu hohe Temperaturen und seltenes Putzen zu einer Bakterienbrutstätte wird. Rohes Fleisch sollte, so die Empfehlungen, immer unten liegen, Salat in einem getrennten Fach aufbewahrt werden. Zudem sollte der Kühlschrank ein- bis zweimal im Monat gereinigt werden.
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Quellen: Die Zeit Nr. 17 vom 21. April 2005 |