Cortes Island

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1.Bericht aus Canada

30. November 2008

 

liebe Freunde,

 

nun bin ich schon wieder einen Monat lang hier, und da gibt es vielleicht schon ein wenig zu berichten. Nach einem „busy summer“ ist es auch nicht gerade ruhiger geworden – nur das Wetter ist ausserordentlich. Es ist nämlich kaum windig, immer wieder haben wir schöne, sonnige Tag. Nur einmal hat es ein Sturmtief gegeben mit einem eintägigen Stromausfall. Das ist fast eine Sensation.

Der Sommer war aber nicht nur arbeitsreich, sondern ich war auch ein wenig unterwegs. Zuerst mit den Kids (Nichten und Neffe) in der Westerstadt Pullman City (Deutschland), was natürlich ganz spannend war für sie: Übernachtung in einer Blockhütte mit Lagerfeuer, und sonst gab es da jede Menge Shows, wie die „American History Show“, „Indianische Tänze“, „Magier Show“, usw.

 

Und später konnte ich auf Einladung von lieben Freunden einen schönen Griechenland-Urlaub machen, was ich schon lange nicht mehr getan habe. Denn grundsätzlich finde ich, dass das Leben generell ein „Urlaub“ ist, wenn man es von der richtigen Seite betrachtet. – Aber es war wunderschön. Ich habe meine Schwester und meinen Neffen mitgenommen, und wir haben Sonne und Meer sehr genossen. Ich habe dort auch an meinem nächsten Buch weiter geschrieben. Und jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, ist es gerade fertig geworden. Es ist der erste Band einer Trilogie mit dem Titel „Der Gesang der Wale“ und es heisst „Die grosse Flut“. Mehr verrate ich momentan noch nicht!

 

Unbedingt erwähnen möchte ich ein besonderes Ereignis dieses letzten Sommers, nämlich die Sonnen- und die darauffolgende Mondfinsternis (am 2. und am 16.August). Beide waren bei uns sichtbar, erstere nur mit Brille, denn es war dabei weniger als 20% der Sonne bedeckt.


Mondfinsternis / Sonnenfinsternis 2008

Anmerkung zur Sonnen- und Mondfinsternis: in der Astrologie sind sie bekannt als Ereignisse, in denen Mächtige und ganze Reiche stürzen, je nachdem, in welchen Zeichen die Finsternisse stattfinden. Beide Finsternisse des vergangenen Sommers fanden im Sternzeichen Löwe statt. Und Löwe hat sehr viel mit Macht zu tun. Genau zwischen den beiden Finsternissen gab es einen Krieg, nämlich den von Russland gegen Georgien – so schreiben es jedenfalls die Medien. Der Krieg   dauerte 8 Tage und der 8.8.2008 war Halbzeit des Krieges. Was die Medien nicht berichten ist, dass Amerika darin schwer verwickelt war, weil es diesen Platz nutzen wollte, um einen neuen Krieg aufzubauen – nämlich gegen den Iran. Und es hat verloren. Das amerikanische Regime ist seither im freien Fall ... eine Macht ist am Zerfallen. Die Bombardierung der indischen Metropole war nun ein weiterer Versuch, die Macht zu halten, jedoch ...
 

 

Der Flug nach Canada war an einem Punkt sehr schön, nämlich als wir in einem hohen Bogen über Grönland und dann herein über die grossen, vereisten North-West-Territories von Canada geflogen sind.

Die Ankunft am Flughafen Vancouver war auch spannend. Nach einer schnellen Einreiseabfertigung ging es zur Gepäckausgabe. Nur wenige Minuten nachdem die ersten Koffer der 500 Passagiere auf das Laufband gerollt sind, ist es dann zum grossen Stillstand gekommen. Es gab einen Feueralarm, bei dem viele Feuerwehren aufgefahren sind, wie man uns dann erzählt hat. Und es dauerte mehr als eine Stunde bis zur Fortsetzung – was nach einer mehr als 25-stündigen Reise eher herausfordernd ist.

Dann war ich fast die ganze erste Woche in Vancouver, verwöhnt von meinen Freunden, die es aber auch verstehen, mir den Terminakalender randvoll zu füllen. Nebenbei war dann auch noch Babyhüten und Hundehüten angesagt. Mein kleiner Chihuahua-Hunde-Freund Hugo hat alles getan, um einen grossen Teil meiner Aufmerksamkeit zu bekommen.

Übrigens munkelt man in Vancouver, teilweise auch über die öffentliche Presse, dass die Stadt nach den olympischen Spielen 2010 bankrott sein wird.

In diesen Tagen hat auch die US-Wahl stattgefunden, und die Aufregung war gross. Canada war euphorisch, und Obama's Rede war absolut berührend. Berührend waren aber auch die begeisterten Menschen mit ihren strahlenden Gesichtern in Chicago, und man wusste, dass damit etwas Bedeutendes geschehen ist. Was, das wird sich in den nächsten Monaten entfalten.


Vancouver Downtown bei Tag und bei Nacht
Hugo, mein kleiner Hundefreund
Abschlussfrühstück am Granville Island Market mit Freunden und Freundesfreunden

Danach ist es fliegend weitergegangen – wie schon im Vorjahr, und zwar vom kleinen Flughafen am Vancouver Airport hinauf nach Campbell River. Heuer war die Maschine nicht mehr ganz so klein wie im Vorjahr und deshalb auch ein wenig gemütlicher. Geregnet aber hat es genauso ...


Der Bär empfängt uns am Flughafen
Die kleine Pacific Coastal Maschine wird vorbereitet zum Flug
Abflug im strömenden Regen

Vor drei Wochen bin ich dann schliesslich hier auf meiner „einsamen Insel“ Cortes angekommen. Der Empfang war nett, mit schönem Wetter in den darauffolgenden Tagen. Ansonsten ist heuer wieder vieles wie im vorigen Jahr: das Haus ist dasselbe und der Kater auch. Bilder davon sind in meinen Berichten vom letzten Jahr zu finden.

Kater Indaba hat nicht lange gebraucht, um herauszufinden, dass er ab nun wieder verwöhnt wird. „Wie ich es mir verdiene“ hat er gemeint und mir sofort sein Bäuchlein hergehalten für eine genüssliche Massage. Und ihr könnt euch vorstellen, dass dieses kleine seidige Pelztier hier sein Reich regiert – wie auch schon im Vorjahr, mit Charme, schnurrend und maunzend. Und er ist einfach ein ganz „Feiner“.

Im Gegensatz zum Nachbarkater, den ich letzte Woche zweimal täglich füttern gegangen bin. Als Dank dafür hat er mich einfach ins Handgelenkt gebissen, und zwar ordentlich.


Mein Haus oder besser gesagt mein Schloss
Inukshuk – das Steingebilde, welches das offizielle Symbol der olympischen Winterspiele 2010 in Vancouver sein wird

Einmal habe ich es bisher auch in die Öffentlichkeit geschafft, und die Reaktion war überall dieselbe: „Wir haben in den letzen Tagen und Wochen an dich gedacht und dass du bald wieder da sein müsstest“, „Magda ist da, also kommt der Winter“ – na, spannend.

Auffallend in der Tierwelt ist heuer, dass es hier fast keine Adler mehr gibt. Vermutlich ist ihnen die Futterquelle abhanden gekommen. Jetzt sitzt manchesmal am „Adlerbaum“ mir gegenüber in der Bucht ein Blaureiher, ab und zu sind es auch die Raben. Sollte wirklich einmal ein Adlerpfiff zu hören sein, dann wird das fast zur Tages-Sensation.

Auch von den Wölfen erzählt man wilde Geschichten. Wieder einmal hat man hier riesige Wälder mit uralten Fichten und canadischen Cedern umgemäht und damit die Wölfe aus ihrem Revier verjagt. Jetzt streunen sie herum, werden immer wieder am hell-lichten Tag in Wohngebieten gesichtet. Und ich kenne viele Menschen, deren Hund oder Katze ein Opfer der Wölfe geworden ist. Nicht weil die Wölfe böse wären, sondern weil der Mensch glaubt, alles zerstören zu können, ohne die Auswirkungen spüren zu müssen.


Angeschwemmter Müll
Segelromantik
unsere einsame Bucht ...

Ein weiteres Umweltthema sind immer wieder die vorbeifahrenden Frachter und Schiffe. Es wird von dort aus nämlich jeder Müll ins Meer geworfen, weil diese „Entsorgung“ einfach die billigste ist. Der aber wird dann hier an der Küste angeschwemmt, und nicht selten sind davon auch die Tiere und die Unterwasserwelt bedroht. Immer wieder „fischen“ wir Ölkanister, Planen, usw. aus dem Wasser und schwerere Geschütze liegen dann einfach am Strand.

Neulich ist eine Gruppe kleiner Delphine hier durchgeschwommen. Die Wale kommen jetzt nur mehr selten durch diese Passage.

Es kann schon passieren, dass man sich Aug in Auge mit einem Reh befindet, wie vor ein paar Tagen, als beim Spazierengehen plötzlich eines im Abstand von nur ein paar Metern vor mir gestanden ist. Ich glaube wir waren beide erstaunt. Es hat sich aber nicht weiter um mich gekümmert. Nun, ich denke: Aug in Auge mit einem Puma wäre herausfordernder, aber die sind zum Glück sehr scheu.

 

So, das war’s für heute. Ich wünsche euch allen eine ruhige Vorweihnachtszeit. Die Erde ruht jetzt, und das wäre für uns vielleicht auch eine gute Idee ...

liebe Grüsse

Magda

 

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2.Bericht aus Canada

12.Jänner 2009

 

meine lieben Freunde,

 

jetzt ist es wieder soweit, und ich finde endlich Zeit, euch wieder einmal aus der Ferne zu berichten. Eins kann ich vorausschicken: im letzten Monat war ziemlich viel los, und was ich so gesehen habe, war das nicht nur bei mir der Fall.

Anfang Dezember hat die Canadische Regierung sozusagen „den Geist aufgegeben“, und sie wird erst gegen Ende Jänner wieder ihre Arbeit aufnehmen. Genauer gesagt hat der Premier sein Vertrauen verloren, nachdem gerade kurz vorher gewählt worden ist, wo er die erhoffte Mehrheit nicht erhalten hat. Jetzt haben ihm die kleineren Parteien das Vertrauen entzogen und in Budgetfragen gegen ihn gestimmt. Ein historischer Zustand ist das jedenfalls, sagen die Canadier.

 

Hier noch ein paar genauere Information für jene, die des Englisch’ mächtig sind:

Dec 3: Historic changes here in Canada tonight. The Conservative government angered the opposition parties last week by bringing in a budget that included cutting entirely government support to political parties that was assigned on a per vote basis. This would have had the least impact on the Conservatives and the most impact on the small parties. So the Liberals, the NDP, and the Bloc Quebecquois have agreed to topple the government on a vote of confidence at the next opportunity and form a coalition government. Their public position is that the Conservatives were failing to deal with the economic crisis because there was no economic stimulus package in the budget. The Prime Minister has "lost the confidence" of the House of Commons. The opposition says they don't trust him any more.
 

 

Am 5.Dezember sind traditionell in vielen Regionen bei uns in Österreich die Dunklen, die Krampusse und Perchten unterwegs. Bei mir hat das in abgewandelter Form so ausgeschaut: gegen acht Uhr abends ist plötzlich ein grosser Lärm draussen, dann klopft es heftig an die Tür, sodass Hauskater Indaba vor Schreck einen Riesensprung macht. Herein kommt der Sohn des Hauses, der normalerweise jedoch nie da ist. Gemeinsam mit ungefähr sechs anderen Kerlen hatte er die glorreiche Idee, von der Stadt herüber zu kommen und hier eine Party zu machen – ohne das Wissen seiner Mutter natürlich.

Da ich jedoch keine Ahnung hatte, bin ich innerhalb weniger Minuten zu den Nachbarn geflohen, denn mittlerweile war das Haus bereits in eine Disko verwandelt. Und wie es am nächsten Tag ausgesehen hat, könnt ihr euch vermutlich vorstellen. Es hat mich jedenfalls mehr als einen ganzen Putztag gekostet, und Indaba ist am Nachmittag, als er sich dann wieder sicher fühlte, in einen Sessel hineingefallen und herausgeschaut haben dann stundenlang nur mehr ein paar schwarze Pfoten.

 
Stimmungen

Nur einmal alle heiligen Zeiten fahre ich hinüber in die grosse Stadt, diesmal vor allem, weil kein Katzenfutter, keine Katzenstreu und sonstige grundlegend wichtige Dinge mehr im Haus waren. Und was ist: natürlich braust der grösste Sturm aller Zeiten über uns und später am Abend auch über die kleine klappernde Fähre hinweg. Ein Boot ist in derselben Nacht gekentert. Ein Fischer gilt als vermisst.

 

Ab 13.Dezember ging es dann so richtig los. Es wurde kalt, frostig sogar. Was an und für sich kein Problem wäre, wenn nur die Wasserleitungen nicht an der Oberfläche liegen würden, die Fenster und Türen schliessen würden, usw. Kurz gesagt, hatten wir ab diesem Zeitpunkt kein Wasser mehr, und das Ganze dauerte bis Ende Dezember. Bei uns kletterten jedoch, das muss ich fairer Weise erwähnen, die Temperaturen nur bis minus 15 hinunter, während es in den Nachbarprovinzen, z.b. in Calgary / Alberta um die Minus 30 Grad hat ... Im Norden las ich dann später sogar etwas von Minus 40 und mehr Grad. Das war oben im Yucon und in den North-West-Territories. Aber die haben vermutlich wenigstens einen warmen Iglu.


Gestrandet / Enten-Schnellstart / Reh-Besuch / Grosser Buntspecht / Indische Göttin Tara in meinem Haus

Praktisch hat das Ganze dann so ausgesehen, dass ich statt des WCs nun täglich die Wald-Toilette, das sogenannte Outhouse, benutzen durfte. Brrr, das war teilweise ganz schön kalt, und ich sage euch: da stellt man echt Überlegungen an, ob das jetzt wirklich sein muss, oder ob es vielleicht auch ein bisschen später sein darf. Was im Prinzip aber natürlich gar nichts dran ändert.

Und man beginnt auch wieder sehr vorsichtig mit den kostbaren Ressourcen umzugehen. Da gibt es dann  kein selbstverständliches Herunterlassen des Wassers mehr, kein Putzen, kein Wäschewaschen, kein Haarewaschen, nur minimales Abwaschen, und die Pflanzen werden mit Wasser von draussen gegossen ... was auch, solange es ab den nächsten Tagen Schnee gab, kein Problem war.

Ab 16.Dezember waren wir dann nämlich auch zusätzlich noch eingeschneit, und so gab es ganze drei Wochen kein Rauskommen mehr, an Christmas-Shopping war selbst für die Wild-Entschlossenen unter uns nicht im Entferntesten zu denken. Und die, die unbedingt hinaus wollten, haben zum Teil ihre Autos völlig ruiniert. Mir war es egal, denn ich war zumindest für einige Zeit gut vorgesorgt.

 

Inzwischen habe ich meine Arbeit ohne grössere Unterbrechung fortgesetzt und mit Band 2 und 3 meiner Triologie begonnen. Mit viel heissem Tee und einigermassen viel Bewegung, war das auch recht gut zu schaffen. Die Arbeit am Computer habe ich allerdings manchmal einschränken müssen, mangels warmer Finger.

 

Doch gehen wir noch einmal um ein paar Tage zurück, und zwar zu dem Tag, nach dem bei uns das Wasser abgedreht wurde. Es ist Sonntag.

Ich tippe gerade einige wichtige Dinge ein, als ich unten im Keller ein Rumpeln und Pumpeln höre. Ich denke sofort an Indaba, mein schwarzes Hauskätzchen und daran, dass er jetzt gerade eine Maus gefangen hat. Als ich die Treppe hinuntergehe, höre ich ihn auch schon über den Fussboden trippeln. Und was ich nun sehe, lässt mir fast das Herz stehen bleiben: heraus aus seinem kleinen Maul hängt eine riesige Ratte. Ich taste mich schnell hinter ihm zur Tür, um sie ihm zu öffnen ... doch wenige Sekunden später lässt er die Ratte los, sie macht zwei, drei Sätze und ist hinter einigen Polstern verschwunden.

 

Nun geht die Jagd erst los. Ich greife nach einem kleinen Holzstück, das ich hinter mir ertasten kann, hebe einen Polster nach dem anderen auf, und ... da ist sie. Ich stelle das Holz auf ihren Bauch, sie schaut mich quiekend an, und ich hoffe auf Indaba. Doch der macht nicht den geringsten Anschein, hier eingreifen zu wollen. Jetzt stehe ich da und weiss genau, ich kann nicht viel tun. Hingreifen ist unmöglich, denn die Ratte könnte mir auf jeden Fall einen Finger abbeissen. Ich lockere meinen Griff und hoffe noch immer auf Indaba ... zu spät. Die Ratte flieht, diesmal hinter den Ofen.

Ich nehme die Verfolgung wieder auf, schliesse alle möglichen Löcher, doch sie scheint wie verschwunden zu sein. Erschöpft sinke ich in einen Sessel, ohne wirklich begreifen zu können, was hier los ist. Mein lieber Kater liegt auf meinem Schoss und schnurrt. Er ist mit seiner Arbeit zufrieden ... während mir klar wird, dass ausgerechnet im Chinesischen Jahr der Ratte dieses – wie man behauptet, sehr intelligente, unterhaltsame und listige – Tier hier in meinem Haus Einzug gehalten hat.

 
Ratte unter einem Dachsims, die mich im Vorjahr schon einmal erschreckt hatte, als ich sekundenlang nicht sicher war, ob sie echt ist, oder nicht

Mein Gefühl ist nicht besonders von Sicherheit getragen, als ich dann schlafen gehe. Zu wissen, dass eine Ratte ihm Haus ist und keine Ahnung zu haben wo, ist schon sehr eigenartig. Auch können Ratten Katzen schwer verletzen. Das hatten wir im Vorjahr schon einmal ... und irgendwie hoffe ich, dass mein braves Haustier während der Nacht nochmals gute Arbeit leistet.

Doch der heutige Tag war erst der Anfang.

 

Nächster Morgen – Tatort Küche: Ich habe gerade mein Frühstück beendet und räume noch ein paar Dinge weg, als ich plötzlich auf etwas Lebendiges greife. Hier sitzt sie, und schaut mich an, während mir der Atem stockt. „Was kann ich tun?“ überlege ich schnell. Doch die Ratte war schneller. Sie springt mir fast entgegen, und schwups, ist sie unter einer Küchenlade verschwunden.

Als nächsten Schritt bringe ich nun alle Lebensmittel in der Küche in Sicherheit, denn natürlich ist sie hungrig. Daran habe ich bisher noch überhaupt nicht gedacht. Auch alle Wassereimer bringe ich ausserhalb des Wohnbereichs oder verschliesse sie.

Ein paar Stunden später marschiert dieser kleine Nager in aller Ruhe dann über den Küchenblock. Ich beobachte sie, sie schaut mich an und marschiert weiter. Ich bin fassungslos.

 

Am nächsten Tag: es ist mittags, und ich telefoniere gerade mit jemanden ... und wer spaziert währenddessen über den Boden, mir entgegen? Richtig: die Ratte. Und der Kater sitzt ganz ruhig da und schaut ihr zu. Er überlässt das Ganze mir, das habe ich schon verstanden. Vielleicht aber ist sie ihm auch wirklich ein wenig zu gross.

Nach einem weiteren Aug-in-Aug-Erlebnis mit der Ratte ein paar Stunden später, ist es schliesslich soweit: ich bin wild entschlossen und rufe die Nachbarin an, um mir ihre Fallen abholen zu können.

 

Wenig später fülle ich drei grosse Rattenfallen mit Erdnussbutter und Käse und stelle zusätzlich noch einen Wasserkübel auf, in den die Ratte ja hineinfallen könnte. Zuvor aber evakuiere ich Indaba, indem ich ihn hinüber in ein kleines Tonstudio (der Hausbesitzerin) bringe, das ein wenig entfernt im Wald steht. Darüber ist er natürlich wenig begeistert, trotz extra gutem Thunfisch-Futter, denn er hat keine Ahnung, warum das jetzt so sein muss.

Ich arbeite dann noch ein wenig weiter und gehe ein paar Stunden später nachschauen, wie es meinem Kätzchen geht. Er ist völlig aufgebracht und zittert. Und weil er mir so leid tut, beschliesse ich, dass ich mit ihm im Studio übernachten werde. Ich möchte sowieso die Rattenfalle nicht klicken hören. Also mache ich Feuer im Ofen, und jedesmal wenn ich Holz hole, habe ich alle Hände voll zu tun, dass der Kater mir nicht entwischt. Dann machen wir es uns bequem in einem Ledersessel, und es wird eine lange Nacht, in der es uns auch komplett einschneit.

 

So liege ich da im bequemen Ledersessel, der schnurrende Kater auf meinem Bauch, und ich stelle mir das „grosse Klicken“ drüben im Haus vor, und als ich mich an den Film „Ratatouille“ erinnere, muss ich fast noch lachen.

Meinem Beruf entsprechend führe ich zusätzlich noch ich ein „Gespräch der besonderen Art“ mit dem „Geist der Ratte“, welcher die Abmachung nicht eingehalten hat, dass seinesgleichen das Haus nicht betreten wird... Andererseits ist es der Ratte allerdings auch leicht gemacht worden, denn es gibt so manche Türen im Haus, die bei verschiedenen Wetterverhältnissen (wie Sturm oder Frost) einfach aufspringen. Und dass ich das bei der Grösse dieses Hauses immer sofort entdecke, ist unwahrscheinlich.


Eingeschneit / Indaba im Schnee / Mein Gartenzaun und mein Haus / Schneepracht

Als wir am nächsten Tag aus der Hütte marschieren, hätte ich mein Haustierchen beinahe tragen müssen, denn es war plötzlich im tiefen Schnee verschwunden ... Ich gehe zuerst alleine ins Haus, um die Fallen zu entsichern ... und wer befindet sich natürlich nicht dort drin? Die Ratte. Wie konnte ich auch so etwas erwarten? Intuitiv habe ich dann noch in der Küche ein paar vermutete Einschlupflöcher mit Holzstücken verschlossen, und das war dann alles, was ich tun konnte. Trotz aller Ungewissheit hat sich dann bei mir das Gefühl breitgemacht, dass jetzt etwas abgeschlossen worden ist.

Tatsächlich zeigt sich die Ratte in den nächsten zwei Tagen nicht mehr. Ich habe sie also, ausgerechnet im Jahr der Ratte, überlistet. Jedoch: wer glaubt, das ginge so einfach, der muss sich auch mit den Folgen befassen, denn ...

... ein leichter Geruch macht sich am dritten Tag breit. Doch die Nachbarin versichert mir, dass der schnell vergehen wird. Es scheint auch unmöglich zu sein, die Küche ohne grössere Aktion soweit zu zerlegen, dass ich hineinschauen kann.

Der Geruch ist am nächsten Tag dann schon etwas intensiver, und ich muss bei eisiger Kälte zumindest ein Fenster in der Küche offen halten und zusätzlich fest räuchern. Dann bleibt es halbwegs erträglich. Und die Vorweihnachtszeit, besonders die Wintersonnenwende, ist für Weihrauch und anderes Räucherwerk sowieso die richtige Zeit. Aber ich meide die Küche jetzt, soweit es geht.

Als ich am übernächsten Tag dann von einem Spaziergang zurückkomme, erscheint der Geruch fast unerträglich. Es ist zwei Tag vor Weihnachten, und ich weiss, dass ich JETZT etwas tun muss. Ich rüste mich also mit einem Seidenschal als Mundschutz (verstärkt mit ätherischem Duftöl), mit Handschuhen, Zeitungspapier und entsprechendem Werkzeug aus. Der blosse Gedanke an die tote Ratte lässt mich beinahe wieder kehrtmachen. Aber es nützt nichts ... Nach einiger Zeit kann ich die untere Schublade schliesslich herausziehen, und ... da liegt sie. Ich nehme sie in höchster Eile am Schwanz, Indaba zeigt jetzt plötzlich noch einmal ziemliches Interesse an ihr, aber ich packe sie so schnell wie möglich in Zeitungspapier und befördere sie in das Ofen-Krematorium. Wasser gibt es keines, also nehme ich ein Desinfektionsmittel zum schnellen Säubern, räuchere nochmals alles durch, schraube die Lade wieder hinein. Und Schluss! Und die Erleichterung danach ist riesig, das könnt ihr euch vorstellen, oder?

 

Zwischendurch gab es im Keller noch einen Wasserrohrbruch. Es befindet sich dort nämlich für den Fall von Frost ein Wassertank mit einem Pumpensystem, das mehr oder weniger funktioniert, falls Strom da ist. Und an diesem Freitag-Morgen, um sechs Uhr früh, höre ich plötzlich ein komisches Pumpengeräusch. Als ich hinunter komme, ist bereits alles überflutet. Der Nachbar, der Installateur ist, hat es später dann repariert.

An diesem Tag sind zwei Kolibris zu mir gekommen. Das ist etwas extrem Aussergewöhnliches, denn sie fliegen im Herbst normalerweise einige tausend Kilometer südwärts. Kolibris sind ein Symbol für Schönheit und endlose Freude.








Kolibri / Indaba’s Vogel-Fernsehen / Vogelgalerie / Eine seltenes Foto: der Rabe, der sonst immer zu schnell ist ...

Die Sing-Vögel sind diese extreme Kälte nicht gewohnt, die wir heuer hier haben, und deshalb füttere ich sie, seit der grosse Frost eingesetzt hat. Was meinen lieben Hauskater natürlich zu stundenlangem Vogel-Fernsehen veranlasst hat. Anfangs war er völlig ausser sich, bis er dann schliesslich immer am Nachmittag in einen Tiefschlaf verfallen ist. Die Vögel sind ihm gegenüber nicht besonders aufgeregt, denn sie wissen: „Das ist ein alter Kater – der ist viel zu langsam“. Sie sollten sich aber nicht täuschen, denn mittlerweile hat er bereits zwei von ihnen gefangen. Und das natürlich immer dann, wenn ich meinen Spaziergang mache.

 

Am 23.Dezember kehrt nun endlich ein wenig Ruhe ein. Am 24.Dezember wird es vorübergehend etwas wärmer (es hat 0 bis -2 Grad), und jetzt donnert ständig schwerer Schnee von den Bäumen auf das Dach und die Dachfenster herunter. Es ist wie eine Art verfrühte Silvesterknallerei ...

Als es ungefähr Mitternacht ist und ich alle Telefonate nach Österreich beendet habe, mache ich noch einen kurzen Spaziergang – im jetzt bereits sehr nasskalten Schnee. Auf halbem Weg sehe ich in einer Bucht mir gegenüber plötzlich etwas wegspringen, es ist grau und völlig anders als ein Reh. ich gehe noch ein Stück nach vorne, um den Weg besser überschauen zu können, und da steht er – in einiger Entfernung: ein silbergrauer Wolf.

Er schaut zurück, und dann geht er weiter. Und ich folge seinen Spuren. Genau dort, wo er weggesprungen ist, kreischt es plötzlich über mir, und ich sehe, wie ein Adler einem Blaureiher nachjagt. Ich gehe weiter und folge den Wolfspuren noch ca. einen Kilometer im schweren, nassen Schnee, bis sich dann seine Spuren knapp vor einem Strand in Richtung eines riesigen Felsens im Wald verlieren. Ich weiss, dass er da ist, und dass er mich jetzt beobachtet. Es ist ein herrliches Gefühl ... das schönste Weihnachtsgeschenk, das ich bekommen konnte. Und Indaba bekommt dann am Abend frischen Fisch als Weihnachtsgeschenk ...


Wolfspuren / Wer folgt hier wem? / Rehspur

Nach einem Eisregen in der Nacht ist am nächsten Tag alles tief gefroren. Unerwarteter Weise ist es ein wunderschöner, sonniger Tag, und er steht unter dem Motto: „Die mit dem Wolf läuft“. Schon am Vormittag bin ich draussen und entdecke, dass zwei Wölfe meinen Schuhspuren bis herüber in unsere Bucht gefolgt sind. Nahe der ersten Häuser drüben haben sie eine Rehspur verfolgt.

Am Nachmittag gehe ich dann noch eine andere, grössere Runde und finde dort bereits drei Spuren vor. Es ist absolut spannend, was da alles zu sehen ist. Die Wolfshäuflein zum Beispiel zeigen ganz genau, welches Futter sie gerade hatten, denn da waren vor allem Rehhaare, Knochensplitter und Sehnenreste zu entdecken.

 

Ich höre nun schon manche von euch fragen: „Sag, hast du denn da keine Angst vor den Wölfen?“. Nein, das habe ich nicht. Warum auch? Ich denke, es kommt immer darauf, wie wir mit der Natur umgehen und wie wir auf andere Lebewesen zugehen. Es geht dabei um Achtsamkeit, um geschärfte Sinne, grosse Klarheit ... und das gilt auch, wenn ich in einen Wald hineingehe. Ich mache das voller Ehrfurcht und voller Rücksicht, und ohne die Haltung, einfach hier eindringen oder etwas erobern zu wollen ...


Weihnachtsstimmung

Andererseits ist jedoch das Thema „Wölfe“ momentan sehr präsent auf unserer Insel. Es werden nämlich hier jährlich von der Holzindustrie grosse Flächen an Wäldern einfach abgeholzt. Und dadurch werden die Wölfe immer mehr aus ihren Territorien hinausgedrängt und kommen zunehmend in die Siedlungen herein, reissen Katzen, Hunde und andere Farm-Tiere. Und das wird natürlich jetzt immer mehr zum Problem. Aus diesem Grund findet diese Woche auch eine Versammlung statt.

Als ich von meinem zweiten Weihnachtsspaziergang nach Hause gekommen bin, habe ich einen Vogel vor der Haustüre gefunden. Indaba war bestimmt sehr stolz, obwohl sich meine Begeisterung ziemlich in Grenzen. Aber es ist seine Natur, und ich fordere ihn natürlich heraus, indem ich die Vögle füttere.

 

Viele Teile der Insel haben in diesen Tagen keinen Strom – wir hier haben eher Glück, weil wir ihn oft schon nach wenigen Stunden wieder zurückbekommen haben. In der Nacht gibt es drüben an der Küste von Vancouver Island ein schweres Erdbeben der Stärke 5.9. Aber es dürfte nicht viel passiert sein. Ich habe es jedenfalls sehr deutlich gespürt. Eigentlich auch schon ein paar Stunden vorher. Da war eine eigenartige Spannung „in der Luft“.

Seit ich die Vögel füttere, haben wir auch so manche andere Besucher hier: so kommen in der Nacht immer einige Waschbären vorbei, die Ausschau danach halten, was vom grossen Mahl untertags noch übriggeblieben ist.

Eines Morgens ist ein grosses Gezeter draussen zu hören, und ich sehe, wie ein Einhörnchen mit den Vögeln schimpft, so nach dem Motto: „Ihr hättet mir auch schon früher sagen können, dass es hier Futter gibt!“. Die Vögel haben sich daraufhin zurückgezogen und ihm für einige Weile den Platz überlassen. Als es jedoch dann auch noch das Regiment über das Vogelhaus übernommen hat, und die Vögel ratlos auf den Bäumen sassen, musste ich kurzerhand einmal eingreifen. Was eine Weile genützt hat ...

Eines Nachmittags sitzt plötzlich eine ganze Vogelversammlung auf einem einzigen Baum. Und erst nach einiger Zeit ist mir klar geworden, dass das Futter aufgefressen war und sie auf Nachschub warten. Das war wirklich köstlich.

Es ist spannend: wenn man Vögel füttert, dann gehören sie plötzlich dazu. Sie nehmen an unserem Leben teil, genauso wie wir an ihrem. Und sie versuchen auf sehr spannende Weise mit uns zu kommunizieren.

Ab 28.Dezember habe ich plötzlich drei Katzen zu versorgen gehabt, weil alle Nachbarn „ausgewandert“ waren, zum Teil Richtung Mexiko, wo es wärmer ist. Das war der beissende Kater (von dem ich letztes Mal erzählt habe), der rote Krieger-Kater und mein eigenen kleines schwarzes Pelztier. Indaba war nicht sehr begeistert, dass ihm nun plötzlich die volle Aufmerksamkeit abhanden gekommen ist.

 

Zu dieser Zeit hat auch Tauwetter eingesetzt, und es beginnt zu schütten und zu stürmen. Zwischendurch gab es bis 6.Jänner auch immer wieder Schneestürme. Seither schüttet es, wir hatten ziemlich viele Stürme, und es ist komplett düster.

Die Wasserleitung wurde zwar schon am 28.Dezember geöffnet, doch hat es noch bis Ende des Monats gedauert, bis das Eis drinnen auch wirklich aufgetaut war. Dann aber war es wie ein Neu-geboren-werden: Waschmaschine einschalten, Toilette funktioniert, und ein warmes Bad wird zum Silvestergenuss. Gleichzeitig hiess es aber sofort wieder alle Kübel, Kanister und Flaschen mit Wasser aufzufüllen, weil man nie weiss – und der Wetterwechsel kommt oft schnell oder es stimmen die Vorhersagen meistens nicht.

Am 1.Jänner sind wir allerdings wieder eingeschneit gewesen, und ich bin im 20 cm hohen Schnee gestapft. Frische Wolfsspuren waren heute auch wieder zu finden.

 

Der rote Nachbarkater dürfte irgendwo hinuntergesprungen und ausgerutscht sein, denn er steht heute gar nicht auf, kommt mir nicht entgegen. Es sieht aus, als hätte er sich die Pfote verstaucht.

Am nächsten Tag fliegt dann noch ein Vogel gegen eines meiner vielen Fenster, und ich habe plötzlich eine Art Tierlazarett. Den Vogel versorge ich mit Notfalltropfen und setzte ihn dann in einem Blumenkorb in die Sonne, denn es ist eiskalt, schaue immer wieder nach, wie es ihm geht. Nach ungefähr zwei Stunden ist er soweit, dass er wegfliegen kann. Und den Kater versorge ich mit homöopathischen Mitteln und sonstigem, und nach fünf Tagen ist auch er wieder fast gesund.


Crash-Pilot / Freiheit / Besuch in der Bucht / Abendstimmung

Es gab im Pazifik in diesen Tagen viele Erdbeben, und die Tierwelt war einigermassen aufgewühlt. Eines Tages, gegen Abend, ist draussen am Meer ein enormes Gekreische zu hören. Und aus ich, ausgerüstet mit Fotokamera, hinunter marschiere, sehe ich eine riesige Schar von Seemöwen, die sich da gesammelt haben. Normalerweise sehe ich sie nur vereinzelt hier. Es war mir aber nicht möglich herauszufinden, was sie hierher gebracht hat. Und während ich ihnen verwundert in der Dämmerung zuschaue, fliegt lautlos direkt unter mir ein Blaureiher vorbei.


Möwenversammlung / Entenstart / Sonnenaufgang

Am 8.Jänner konnten wir endlich wieder hinausfahren, was bei meiner verbliebenen Reserve von drei Kartoffeln auch dringend notwendig war, doch der Weg von uns hinaus zur Strasse, war noch immer ziemlich katastrophal.

 

Und als ob all das noch nicht genug wäre, habe ich gestern bei einem Spaziergang noch vier von fünf Fingerfedern der rechten Schwinge eines Adlers gefunden. Eine hat sogar noch etwas Blut und Sehnenreste drauf. Das war nicht unbedingt ein Zeichen, dass es ihm gut geht oder dass er überhaupt noch lebt.

Heute schliesslich habe ich dann den halben Adler bzw. das, was von ihm noch übrig geblieben ist, nämlich hunderte von Federn und einige Knochenteile, gefunden. Der andere Teil des Tieres, vermutlich war es eine Adler-Dame, fehlt aber noch. Vielleicht taucht er eines Tages auf. Er dürfte verletzt gewesen sein, sonst ist so etwas für einen Adler fast nicht möglich. Aber die Natur ist gründlich. Sie entsorgt sofort alles, was nicht mehr überlebensfähig ist.

 

So, genug der vielen Worte. Das ist jetzt fast ein Roman geworden, obwohl es nur fünf Wochen waren, seit ich euch das letzte Mal berichtet habe. Ich glaube, jetzt wird’s Zeit für mich, einen Urlaub zu beantragen, stimmts? Bei wem? – Keine Ahnung. Wie lange? – Keine Ahnung. Wohin? – Auch keine Ahnung. Also bleibe ich vielleicht einfach, wo ich bin!

Ich wünsche euch alles Gute in dieser turbulenten Zeit und alles Gute für dieses Neue Jahr. Ganz liebe Grüsse

 

Magda

 

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3.Bericht aus Canada

15.März 2009

 

meine liebe Freunde,

ja, so kann’s gehen – und plötzlich verschwindet man hinter einem Arbeitsberg ... schneebedeckte Gipfel, Lawinengefahr ... der Bericht steht schon seit Wochen in den Startlöchern, aber es fehlt ihm eine Eigenschaft: er schreibt sich nicht von selbst, sondern er hat immer nur auf mich gewartet ... und hier bin ich endlich!

 

„It’s been a busy winter!“ kann ich nur sagen. Von Ruhe weit und breit keine Spur. Doch das hat sich schon mit dem letzten Bericht angekündigt. Ich hätte eigentlich nur den logischen Schluss draus ziehen müssen. Manchmal jedoch steht auch den Hexen der eigene Besen im Weg ... smile.


Stimmungen

Ich war heuer enorm froh um meinen Daunenmantel, den ich im Vorjahr kaum benötigt habe. Diesmal war er wirklich nicht wegzudenken, denn wir hatten von Mitte Dezember bis vor wenigen Tagen fast durchgehend Dauerfrost. Der Schnee vom 11.Dezember liegt deshalb auch heute noch in den höheren Bereichen der Insel. Dazu kam für ein Monat dichter, teilweise auch sehr mystischer Nebel. Das war besonders dann sehr beeindruckend, wenn ich – den Wölfen auf der Spur – durch die Wälder gestreift bin.  Es war dann auch ein gewaltiges Erlebnis, als nach ca. vier Wochen die Landschaft wieder aus dem Nebel aufgetaucht ist, zumindest für einige Zeit. Insgesamt hatten wir einen sehr trockenen, wenig stürmischen Winter – doch für die Westküste, der ja ein kühler Regenwald ist, war er ziemlich aussergewöhnlich. Auch das Wasser war dann wieder einmal für einige Tage abgefroren, aber es dauerte diesmal nicht mehr so lange wie beim ersten Mal. Und beim jetzigen Frost war’s nur knapp dran ...


Nebelimpressionen

Ich habe geglaubt, dass die tierisch-spannende Zeit, wie ich sie im Dezember mit Ratten und Wölfen erlebt habe, bald abgeschlossen sein würde. Doch nichts dergleichen! Seit drei Monaten laufe ich nun sozusagen mit den Wölfen, und ich bin jetzt schon sicher ein fester Bestandteil ihrer Sippe und ihres Tagesablaufes geworden. Jedes neue Wolfshäuflein, jede Spur und jeder Wolfsgeruch ist mir bekannt. Die neuesten davon habe ich gerade heute Nachmittag gesehen. Die Wölfe kommen in verschiedenen Zeitabständen, sind dann wieder für eine Weile verschwunden ... und kommen wieder.

 

Nachdem ich die Hälfte eines Adlers gefunden habe, wie ich im letzten Bericht bereits erzählt habe, hat er sich danach als Canada-Gans entpuppt, und den zweiten Teil davon habe ich bald darauf ebenfalls gefunden. Eine Wolfsbeute, wie sich später herausstellen sollte, denn ...

Wenige Tage später habe ich dann eine sogenannte Mallard-Ente gefunden, auch wieder als Federnhaufen, verteilt auf ein paar Plätze.

 
der mystische Platz, auf dem alles begonnen hat

Und dann – es war der 23.Jänner – bin ich wie üblich meine Runde gegangen. Doch der sumpfige Platz, den ich immer überquere, war diesmal eigenartig aufgeregt. Ich konnte jedoch nichts weiter sehen und bin so in Richtung Süden marschiert. Plötzlich sind zwei Adler dicht über mich hinweggeflogen, und ein zweites Mal. Ich habe mir gedacht, dass hier einer den anderen jagt, nämlich der ältere einen jungen. Später sollte ich draufkommen, dass sie eigentlich mich gemeint haben.

Danach sah ich plötzlich einen kleinen schwarzen Hund, und mir war sofort klar, dass es ein Wolf ist. Er rannte den bemoosten Felsen hinauf, und kurz darauf habe ich auch schon ein heiseres Bellen und Heulen gehört. Vor ihm ist nämlich seine Mutter gelaufen, eine silber-graue Wölfin, die ich ebenfalls dann gesehen habe. Erst jetzt war mir klar, dass sie eindeutig mich meinten.

Doch bin ich noch ein paar Schritte weitergegangen, zum Strand hinaus. Dort sassen aufgeregt zwei Raben auf dem Boden und versuchten mich zu verscheuchen. Und als ich ein Stückchen blutiges Etwas auf einem angeschwemmten Baumstamm gesehen habe, war mir klar, dass ich diese sechs Tiere gerade bei einem Mahl überrascht habe. Als ich näher kam, lag da – in viele Teile zerteilt – ein Blaureiher.

Bevor ich von zu Hause weggegangen bin, hörte ich in meinem Hinterkopf: nimm einen Sack mit, was mir sehr eigenartig vorgekommen ist, denn wozu würde ich für einen Spaziergang einen Sack brauchen? – Als ich da so stand vor dem toten Vogel, war mir aber klar, was ich zu tun hatte, und erst Wochen später hat sich dann in verschiedenen schamanischen Arbeiten seine wirkliche Bedeutung gezeigt. Das aber wird Teil meines nächsten Buches. Es war jedenfalls keine Kleinigkeit.

 
Wolfsspuren (Wolfsfoto aus dem Internet)

In der Nacht habe ich dann die Wölfe heulen gehört. Aber es war kein Mond-Anheulen, sondern ein schauriges Jagdgeheul, und am nächsten Tag habe ich schliesslich noch die Reste ihres Reh-Mahles gefunden. Das war die letzte Beute, die ich gefunden habe. Ansonsten sehe ich jetzt nur mehr ihre Spuren. Ab und zu rieche ich den Alpha Wolf, wenn er (oder sie) wieder das Gebiet markiert hat. Das hat in etwa die Duftnote eines Ziegenbocks.

 

Ungefähr drei Wochen später bin ich dann nochmals auf den schwarzen kleinen Wolf getroffen. Schon beim Hinweg zu einem Strand habe ich einen komisch tiefen Laut gehört, den ich nicht zuordnen konnte. Und am Rückweg stand er dann da, mitten am Weg, nur ungefähr zehn Meter von mir entfernt. Ich dürfte ihn überrascht haben. Er ist dann kurz weggesprungen, stehen geblieben, hat sich wieder umgedreht und mich für eine Weile angeschaut. Danach ist er in den Wald hinein gelaufen.

 
Landschaftsstimmungen

Die Wolfdiskussion auf unserer Insel ist gross. Manche haben mit dem Abschuss der Wölfe begonnen, weil sie sich vor ihnen fürchten oder ihre Haustiere gefährdet sehen. Das ist sicher ein Thema, aber insgesamt geht es darum, die Grenzen einzuhalten und zu wissen, dass wilde Tiere eben wilde Tiere sind, die man z.B. nicht füttert, wie es einige Touristen drüben auf Vancouver Island gemacht haben. Nur aus dem einen Grund, dass sie von ihnen Fotos machen konnten. Und sie wundern sich dann, warum sie von den Wölfen gebissen werden.

Zur Gefährlichkeit der Wölfe kann ich soviel sagen: Man vermutet (und das ist wirklich nur eine Vermutung, es gibt keinerlei Belege dafür), dass in den letzten 300 Jahren ca. 1-3 Menschen von Wölfen getötet worden sind. Es wäre sowieso eine verschwindend kleine Zahl, falls es so gewesen ist.

Insgesamt sind die Wölfe enorm soziale Tiere, die ihre Grenzen genau ziehen und die Gruppenregeln genau einhalten. Und wenn der Mensch sich ebenso verhalten würde, gäbe es da keine Probleme. Dazu kommt natürlich auch noch das Thema, dass wir mittlerweile von unserer Gesellschaft sosehr gezähmt sind, dass wir Angst haben vor unserer eigenen inneren Wildheit.


Tierleben  / Bild 44 by Steve Musial, Cortes-Canada = Adler in Begleitung

Den Reiher habe ich nach einigem Überlegen, was ich mit ihm machen sollte, schliesslich zur Tierpräparatorin gebracht, die eine gute Hand dafür hat. Und sie meinte, dass es sich um einen Baby-Reiher gehandelt hat, weil sein Kopffedern-Schwänzchen noch sehr kurz war. Es hätte noch 2-3 Jahre gedauert, bis er erwachsen gewesen wäre. Der Name „Blaureiher“ kommt übrigens zum einen davon, dass die Federn bei einem bestimmten Licht blau erscheinen, zum anderen aber auch davon, dass er zur Paarungszeit ein blau-violettes Federnkleid bekommt. Ich habe ihn heuer unzählige Male gesehen und gehört. Sein Kreischen ist unwahrscheinlich durchdringend. Er wirkt sehr grazil und fein, doch wenn er seine Schwingen ausbreitet, ist er grösser als ein Adler.


Der Blaureiher ... und der Kater // Bild 18 + 19 Blaureiher by Steve Musial, Cortes - Canada

Währenddessen habe ich zu Hause mehrere Nächte lang seine unzähligen kleineren Federn aufgedampft, damit sie wieder ihre ursprüngliche Form bekommen.

Indaba, mein sehr aufmerksamer und toleranter Kater – er hat sich später meditativ vor die beiden Reiherschwingen und das Kopfteil gesetzt, als sie von der Präparation zu uns zurückkehrten – hat eines Tages seine Nase zu tief in die Federnschachtel gehalten, und da ist ihm auf elektrostatische Weise eine dieser Federn an die Nase gehüpft. Er hat plötzlich zu tanzen begonnen, weil er sich nicht mehr von ihr befreien. Das hat wirklich drollig ausgeschaut. Und ich habe ihm dann geholfen. Aber er liebt es, sich durch alles durchzuschnüffeln.


Kater Indaba’s morgendliche „Aussichten“

Für Indaba war es auch ein sehr aufregender Winter: ab Mitte Jänner hatten wir eine Finkeninvasion, und das Vogelhaus war ständig überfüllt, abgesehen vom Eichhörnchen, das sich pustend und schimpfend immer wieder seinen Weg dorthin gebahnt hat. Und wie es seine Katzen-Natur eben ist, hat er auch einige der Vogerl erlegt ...

Eines Tages sind dann die Rehe zur Vogelfütterung gekommen, und im Nu waren die Vogel-Samen weg ... Und dann noch am hell-lichten Tag die Waschbären, die ansonsten nachtaktiv sind.

Als schliesslich auch die Ratten wieder aufgetaucht sind (und zwar ebenfalls untertags) und sich über das Vogelfutter hergemacht haben, habe ich das Vogelfüttern am Boden endgültig eingestellt. Ich habe sie auch darauf verwiesen, dass das Jahr der Ratte in ein paar Tagen zu Ende ginge, und ab diesem Zeitpunkt waren sie wirklich verschwunden. Jetzt haben wir das Jahr des Büffels, mein Jahr, und ich hoffe nur, dass ein solches Tier nicht leibhaftig hier erscheint. Aber es wäre vielleicht leichter zu handhaben, als eine Ratte. Wer weiss?


... und ihre Fortsetzung // Waschbärspuren im Schnee // Ratte höchstpersönlich

Indaba hat ein sehr süsses Schmollverhalten. Wenn ihm das Futter nicht passt oder wenn er findet, dass ich zu wenig Zeit für ihn habe, dann sitzt er auf bestimmten Schmollplätzchen. Manchmal so, dass ich fast über ihn drüberfalle, weil es dort finster ist. Oder sein Blick sagt alles. Da habe ich dann das Gefühl, er sei der am meisten vernachlässigte Kater überhaupt ...

Neulich habe ich eine Murmel am Strand gefunden, und da spielt er jetzt damit. Feinfühlig wie ein Golfspieler schaut er ihr nach, stupst sie an oder versucht sie laut ratternd herumrollen zu lassen, damit ich endlich wieder mit ihm spiele.

Letzte Woche hat ihn der Sturm überrascht, und als ich schliesslich bemerkt habe, was los ist, fand ich ihn draussen sitzend, an die Wand gedrückt und zitternd, und der Sturm ist immer noch herein gedonnert. Er hat mich angeschaut, seine Nase zum Sturm hingedreht, so als ob er mir sagen wollte: „Ja siehst du denn nicht, was der mit mir macht?“. Es war ein etwas vorwürflicher Blick, und mit einem Satz habe ich ihn gerettet, hereingetragen und lange gestreichelt. Er ist insgesamt ein sehr verschrecktes Tier, vermutlich weil er viel allein gelassen wurde. Jedenfalls hat er nach einer Weile tief geseufzt und ist dann zufrieden eingeschlafen.


Der Geniesser-Kater

Langsam erwacht hier die Natur aus dem Schlaf, und spät aber doch, sind die ersten Krokusse herausgekommen. Die Narzissen beginnen zu spriessen und auf manchen Sträuchern und Bäumen werden die ersten Knospen sichtbar. Normalerweise beginnt hier im Februar die Gartenzeit. Doch daran ist noch überhaupt nicht zu denken.

Der letzte Vollmond war der einzige, den wir auch sehen konnten in diesem Winter, und die Stimmung war wunderschön. Auch sonst zeigt sich die Landschaft immer wieder in schönen Bildern und Stimmungen.


Verwandlungskünstler Mond ... der alles rundherum verzaubert

Überall bei den Tieren ist jetzt Paarungszeit (Adler, Raben, Reiher, ...), und eine frühlinghafte Stimmung wird langsam spürbar, obwohl wir erst wenige Tage ohne Frost haben. Seit zwei Wochen hat unser Restaurant wieder offen (nach den Wintermonaten), und als ich heute vom Brunch zurück gefahren bin, bin ich mitten in einen Schneesturm hinein geraten. Jetzt stürmt es noch immer, teilweise hagelt und schneit es, und ein Ende davon gibt es laut Wetterbereicht so schnell nicht. Schnee hatten wir immer wieder in den letzten Wochen, und besonders Vancouver hat heuer viel davon abbekommen.

 
Besuch in „Trudy’s Kaffeehaus“ und was man dort so alles erlebt / Trudy aus Österreich ist bekannt für die besten Torten, Apfelstrudel und Kaffees; sie ist bereits einiges über 70 // Der Husky sieht einem Wolf verblüffend ähnlich

Die erste Gelse hat mich übrigens bereits am 2.Februar besucht, zu einer Zeit, wo alles fest gefroren war. In dieser Zeit sind immer wieder auch kleine Delphine in die Bucht gekommen, und neulich habe ich einen kleinen Seehund gesehen. Auch Fledermäuse waren einmal einen Abend lang da, und jetzt warten wir schon auf die Rückkehr der Kolibris.


Durchfahrt

Ob ich noch einen weiteren Bericht schreiben werde, weiss ich nicht. Jedenfalls wünsche ich euch einen schönen Frühlingsbeginn – und wir hören und auf die eine oder andere Weise.

 

Liebe Grüsse

 

Magda

 

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