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Unser ausgebrannter Planet
Thom Hartmann
Riemann Verlag / One Earth Spirit
Schalten Sie den Fernseher ab
Irgend etwas hat die soziale Entwicklung unserer Gesellschaft ins Stocken
gebracht und dazu geführt, daß die meisten Leute – in fast allen modernen
Zivilisationen – in einem jugendlich unreifen Bewußtseinszustand verharren.
Das scheint eine Hauptursache dafür zu sein, warum die Menschen von heute
fähig sind, ihre Umwelt im Interesse kurzfristiger Gewinne zu ruinieren,
obwohl die meisten wissen, daß sie ihre eigene und die Zukunft ihrer Kinder
zerstören. Es ist eine Frage der inneren Verbindung zum Leben und der Reife.
Durch mein Zusammensein mit amerikanischen Ureinwohnern und
Stammesvölkern in anderen Teilen der Welt habe ich Menschen kennengelernt,
die ein Leben führen, das täglich und ständig sinnvoll ist. Das war eine
außerordentliche Erkenntnis, ein echter Schock für mich, denn ich war in
einer Kultur aufgewachsen, die mir von frühester Kindheit an erzählt hat,
unsere Lebensweise sei die beste, die freieste und glücklichste.
Meine Kontakte mit Menschen aus anderen Kulturen haben mich davon
überzeugt, daß unsere spirituelle Bindungslosigkeit anfing, als unsere
jüngere Kultur die Verbindung zur Natur verloren hat. (Eine Metapher dafür
ist die Vertreibung von Adam und Eva aus dem Garten Eden.) Als wir
beschlossen, die Menschheit vom Rest der Schöpfung abzuspalten, schufen wir
ein tiefes und grundlegendes Schisma. Als wir beschlossen, die Welt
existiere nur für uns, von uns getrennt, und es sei unsere heilige Pflicht,
sie zu beherrschen und zu unterwerfen, verloren wir die Verbindung zu genau
der Kraft und dem Geist, denen wir unser Leben verdanken.
Und so sehen wir heute Menschen, die den Kontakt zu ihrer Spiritualität
verloren haben, die in Kisten leben und in Kisten umherfahren, vielleicht
einmal im Jahr „in die Natur“ hinausgehen, um eine Andeutung dessen zu
erleben, was einst die tägliche Erfahrung der Menschen war. Diese Leute
versuchen zu fliehen. Sie sitzen in ihren Wohnungen und Häusern in den
Städten und Vorstädten und fühlen sich elend, ohne zu wissen warum, sie
empfinden Ängste und Schmerzen, die nicht durch Medikamente, Drogen,
Fernsehen oder ärztliche Behandlung gelindert werden können, weil sie an
einer Krankheit der Seele und nicht des Geistes leiden: Sie haben die
Verbindung verloren.
Diese Bindungslosigkeit hat dazu geführt, daß die in unserer Welt
herrschende Kultur in ihrer Entwicklung steckengeblieben ist, stärker
beschäftigt mit „ich“ und „jetzt“ als damit, Verwalter der Zukunft zu sein,
wogegen Menschen der älteren Kultur im Leben von Tag zu Tag den eigentlichen
Sinn ihres Daseins erkannten.
Wenn die Menschen heranwachsen, durchlaufen sie viele
Entwicklungsstadien. Ein neugeborenes Baby ist völlig auf sich selbst
bezogen und nimmt nichts außer seiner eigenen unmittelbaren Erfahrung wahr.
Ab einem bestimmten Alter wird es sich zunehmend seiner Umgebung bewußt und
erkennt die Rolle, die es darin spielt. Irgendwann wird dem Baby klar, daß
etwas auch dann existieren kann, wenn es nicht zu sehen ist, beispielsweise
ein Spielzeug unter der Decke oder die Mutter, die sich im Nebenzimmer
befindet. Ab einem bestimmten Alter können Kinder für sich selbst sorgen und
sind nicht mehr davon abhängig, daß andere (ihre Eltern) alles für sie tun.
Teenager werden sich der sozialen Strukturen unter Gleichaltrigen bewußt,
können als Babysitter Verantwortung übernehmen und so weiter.
Teil dieser Entwicklung zu mehr Reife ist die Änderung der Perspektive
von einer „Ich“-Orientierung zu einem „Wir“-Gefühl – einer Verantwortung für
andere.
Das war in allen älteren Kulturen nie ein Problem: Sämtliche Traditionen
stärkten immer wieder die Beziehungen des Menschen zu seiner Umgebung und
die gegenseitige Verantwortung zwischen dem einzelnen und der Gemeinschaft.
Aber in unserer jüngeren Kultur gibt es hier zwei Probleme: Ersten ziehen
wir bei der Entscheidung, für wen wir uns verantwortlich fühlen, oft einen
sehr engen Kreis um uns, indem wir sagen: „Ich bin nur verantwortlich für
die Menschen, mit denen ich eine enge, direkte Beziehung habe. Alle anderen
sind auf sich selbst gestellt.“ Oft schließt diese Sicht die überraschend
kindliche Überzeugung ein, daß irgend jemand anders (die „unsichtbaren
Eltern“) für alles Sonstige zu sorgen hat: „Irgendwo ist irgend jemand für
den Planeten verantwortlich – nicht ich“. Mit zunehmender Reife sollten wir
in eine effektiver Weltsicht hineinwachsen. Aber es sieht so aus, als würde
das in den jüngeren Kulturen meist nicht funktionieren.
Das zweite Problem ist sogar noch gravierender: Unsere jüngere Kultur
bleibt zunehmend in einem unreifen Entwicklungsstadium stecken, in dem man
behauptet: „Ich bin der Mittelpunkt des Universums, nur ich bin wichtig“. In
dieser Lebensphase verschwendet das Kind nicht den geringsten Gedanken an
die Zukunft, sondern jeder Wunsch muß sofort erfüllt werden.
Warum erweckt unsere Kultuur den Eindruck, als würde sie sich zunehmend
zurückentwickeln – zunehmend unreifer werden?
Die fundamentalste „unreife“ kulturelle Vorstellung – „Du bist der
wichtigste Mensch auf der Welt“ – wird uns täglich vom Fernsehen, dem
hauptsächlichen Sprachrohr unserer Kultur – zugerufen. Die permanente
Verstärkung dieser unreifen Botschaft sorgt dafür, daß unsere Kultur unreif
bleibt, erzieht unsere Kinder zur Unreife und verhindert, daß wir selber
reifer werden.
Der Grund für die Hartnäckigkeit und Intensität dieser Botschaften ist
einfach: Wenn Menschen sich wie Kinder benehmen und darauf bestehen, daß
jedes Bedürfnis sofort befriedigt wird, dann sind sie ideale Konsumenten.
Nur wenn wir die Botschaften abschalten, können wir allmählich reifer
werden – und das geschieht in unserer Kultur nur selten. Die Dinge, die
unsere Augen und Ohren gefangennehmen, sind die Dinge, die uns bewegen. Das
ist keine Überraschung, und um das zu erkennen, muß man kein mit allen
Wassern gewaschener Werbefachmann sein. Aber in dem Maße, wie die Werbung
immer geschickter und effektiver wurde, erreicht sie ihr Ziel immer besser.
„Seht nur, was ihr alles haben könnt“, lautet die Botschaft, die sie den
Menschen vermittelt, „seht nur, wie euer Leben besser und angenehmer sein
kann.“
Und so wurde die Konsumideologie geboren – die Vorstellung, daß man sein
Leben dadurch verbessern kann, daß man bestimmte Dinge kauft -, und das
Fernsehen hat dieses Haltung so verstärkt, daß sie zu einem
kulturverzehrenden Monster wurde. Für die Konzerne und die Absatzförderung
in einer „ich-zentrierten“ Welt funktioniert dieses System großartig, aber
es lenkt die Menschen völlig von der reiferen Haltung ab, bei der es darum
geht, das Leben für uns alle zu verbessern.
In vielerlei Hinsicht ist die Konsumideologie zur alles beherrschenden
Religion der modernen jüngeren Kultur geworden. Sie hat sogar die Kirchen
schon weitgehend erfaßt, indem sie ihre heiligen Feste in Konsumorgien
verwandelt hat, und heutzutage suchen weitaus mehr Menschen ihr Glück im
Kauf neuer „Dinge“ als in der Teilnahme an den Ritualen irgendeiner anderen
organisierten Religion.
Ich habe zwar nichts gegen die Teilnahme an den modernen Formen des
Handels, aber was ich immer und immer wieder beobachte, ist eine qualitative
Veränderung bei Erwachsenen wie auch bei Kindern, wenn sie das Fernsehgerät
aus ihrem Heim verbannen. Es wird ruhiger im Hauus, die Menschen finden eher
zu ihrer Mitte, zu ihren Wurzeln, und die wirkliche Welt wird wahrgenommen.
Schalten Sie den Fernseher ab, und setzten Sie sich statt dessen täglich
zehn oder fünfzehn Minuten ruhig hin. Nehmen Sie sich außerdem ein paar
Minuten Zeit, um nach draußen zu gehen. Ihr Leben wird sich zum besseren
verändern, und damit leisten Sie einen Beitrag zur Heilung unseres Planeten.
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Stand: 26.09.04