Auszug aus dem neuen Buch:

 Magda Wimmer

REISE IN DAS WEITE LAND
Mayawelt und Seelenwelt

 

Die Schamanin

 

Immer, wenn eine Schamanin ein neues Bild hervorbringt,
wenn sie eine Zeremonie macht oder räuchert,
dann erschafft sie wieder die Welt, sie macht sie neu,
gibt ihr eine neue Form und eine neue Bedeutung,
setzt die Wirklichkeit wieder gänzlich neu zusammen ...
 

 Magda Wimmer

 

Vorbereitungen für eine Reise in die Anderswelt

 

Die Reise beginnt in Guatemala, in einem jener Länder, deren Kraft heute völlig am Boden liegt. Der Grund für dieses Ungleichgewicht liegt darin, dass eine andere Nation versucht hat, es sich zu unterwerfen und restlos auszubeuten. Warum? Sind es allein die Lebensgrundlagen, welche hier in einer grossen Vielfalt zur Verfügung stehen? Oder gibt es andere Gründe, dieses Volk – wie auch viele andere Völker auf diesem Kontinent – zu unterdrücken? Gibt es hier etwas zu verbergen, was der Menschheit als wichtige Informationen zugänglich gemacht werden sollte? Die vielen eindringlichen Botschaften, welche seit langem schon von diesen Völkern an die westliche Welt gerichtet werden, sprechen dafür. Was aber ist der Grund für die Unterdrückung? Und was liegt hinter den gewaltigen Mechanismen der Manipulation an den Menschen, welche gerade in der gegenwärtigen Zeit  immer mehr Macht bekommen?

Die Reise wird uns auch dorthin führen, an die Plätze der Gewalt, des Machtmissbrauchs und der Unfreiheit, und wir werden erkennen, wie sehr wir alle davon geprägt sind und wie sehr wir auch daran beteiligt sind. Doch die Reise geht viel weiter, denn sie wird uns an der Hand unserer uralten Sehnsucht in die Gründe einer anderen Welt führen. Und diese Welt ist überall um uns herum. Doch unsere Augen sind blind dafür geworden – kraftlos, weil wir getrieben sind und überflutet von unzähligen Reizen. Wir haben uns ihrem Diktat unterworfen. Und die Gesellschaften und Systeme, die wir uns einst geschaffen haben, damit sie unser Leben unterstützen, beuten jetzt unsere Lebensreserven restlos aus. Wir unterdrücken die Regungen unserer Gefühle, damit wir nicht mehr auf die eindringlichen Botschaften unseres Körpers hören müssen, und durch die gewaltigen Mechanismen der Manipulation an uns selbst bringen wir unsere innere Stimme zum Verstummen. Wie im Grossen – so auch im Kleinen, denn die Welt um uns herum ist immer ein Spiegel unserer eigenen, ganz persönlichen Wirklichkeit.

Viele Menschen auf dem gesamten Planeten haben jedoch in den letzten Jahren begonnen, Dinge anders zu sehen. Sie verstehen deshalb besser, warum wir uns in allen Bereichen von Menschen und gesellschaftlichen Systemen abhängig gemacht haben. Wir sind empfindsamer geworden und betrachten unser Leben nun auch aus anderen Blickwinkeln. Dadurch hinterfragen wir immer mehr unser Verhalten und unsere Lebensgewohnheiten. …

Wenn wir diesen Ort des tiefen inneren Friedens erreicht haben, dann wissen wir, dass wir ihn nicht mehr verlieren werden. …  Wir sind dann auf dem Weg, weise Menschen zu werden – Menschen, welche allein auf die Stimme ihres Herzens hören. Und weise Menschen reagieren viel sensibler auf die Energien um sie herum. Deshalb achten sie darauf, dass ihr Herz und ihr Leben vor jenen Dingen schützen, die Illusionen vorspiegeln und Angst verbreiten:

  • Weise Menschen tragen Verantwortung für ihre Gesundheit auf allen Ebenen, und sie verstehen Krankheit als Zeichen, dass eine Veränderung in ihrem Leben not-wendig ist. Sie legen ihre Gesundheit und die ihrer Kinder nicht mehr vorbehaltlos in die Hände der allgemein anerkannten Medizin, welche Krankheiten bekämpfen muss, weil sie im Tiefsten Angst hat vor dem Tod. Sie wissen, dass Heil-Werden damit zu tun, dass wir Symptome einer Krankheit verstehen und sie als einen Teil unserer Lernerfahrung annehmen. Krankheiten sind Begleiter, die uns aus dem Vergessen der tieferen Wirklichkeiten herausführen und uns den Weg weisen, unser Dasein auf eine neue Art und Weise zu betrachten. Heilung ist ein Prozess, der zuerst in uns selbst beginnt – ein Prozess, der uns Wunden schliessen hilft, die vielleicht noch viel älter sind, als wir annehmen mögen.

  • Weise Menschen spüren, dass die technischen Einrichtungen von heute  (Fernsehen, Computer, Mobiltelefone, Mikrowellen-Herde, …) unsere körperlichen als auch psychischen Grundlagen wesentlich beeinflussen und verändern. Sie sehen auch, dass die Folgen ihrer Anwendung uns nach und nach aus den Händen gleiten und uns zudem grossteils völlig unbekannt sind. Alles in uns besteht aus Energie, die sehr sensibel ist und daher von den hohen Schwingungen dieser Geräte schnell übertönt wird. Sie sind oft so stark, dass wir eine Veränderung über lange Zeit nicht merken, weil wir davon wie betäubt sind. Erst wenn sich Erschöpfung und körperliche Beschwerden zeigen, werden wir darauf aufmerksam.

  • Weise Menschen beginnen zu verstehen, dass die politischen Einrichtungen nicht immer dazu da sind, gemeinsam mit den Menschen die bestmöglichen Bedingungen für ein positives und anregendes Lebensfeld zu schaffen, sondern dass sie oft dem Muster des „Macht-über-andere-haben“ unterliegen. Zusätzlich nutzen sie ihre Macht zumeist zu ihren eigenen Zwecken. Weise Menschen denken stattdessen darüber nach, wie sie wieder die Macht über sich selbst zurück gewinnen, über ihr denken, ihre Gefühle, ihr Handeln – sodass sie nicht mehr von anderen regiert werden müssen. …

Die Zeit ist da, dass wir uns gemeinsam aufmachen in die Welt hinter der Welt, die uns bekannt ist. Diese Anderswelt steht uns jetzt wieder offen, nach tausenden von Jahren des Suchens, der Verzweiflung, des Kampfes, der Vergeblichkeit, des tiefen Schlafes. Wir sind dabei zu erwachen und merken jetzt, dass wir diese andere Welt nur für eine Weile vergessen haben. Sie hat auf uns gewartet, genauso wie wir sie sehnsüchtig gesucht haben.  Wir haben es nur nicht gewusst. Jetzt steht die Tür wieder offen, hineingehen müssen wir selber. …

  

Kapitel 8: Lamat – Kaninchen, Mond

 

Wir kommen in unser inneres Gleichgewicht,
wenn wir aus dem Wissen leben,
dass das Licht den Schatten hervorbringt

Der Anflug auf die Millionenmetropole Mexiko City gestaltet sich zu einem Schauspiel der besonderen Art. Eine Zwillingsformation ragt in Augenhöhe aus der Dunstdecke, die über der Stadt liegt – links der Vulkan Popocatepétl, rauchend und daneben der noch höhere Vulkan Pico de Orizaba. Wie steile Mauern heben sie sich langsam nach oben, während das Flugzeug in die gelbliche Nebelschicht eintaucht.

Teotihucan, die sogenannte „Stadt der Götter“ liegt ungefähr fünfzig Kilometer nördlich der riesigen Stadt in einem Gelände, welches bei der grossen Hitze und Trockenheit einen wüstenhaften Eindruck macht. Die Luft spiegelt sich, sodass die entfernte Mondpyramide vom unteren Ende des Platzes selbst wie eine Fatamorgana erscheint. Gleichzeitig gestaltet sich in diesem Lichteffekt die Verschmelzung zwischen der Pyramide und dem dahinter liegenden Berg Cerro Gordo noch viel perfekter. Die Stadt erscheint uralt und vieles in ihr erinnert eher an Ägyptische Pyramiden, als an andere Pyramidenstädte der Maya oder ihrer Vor- und Nachfahren.

Bereits der Anblick des „Tempels der Gefiederten Schlange“ am südlichen Ende des Platzes bringt mein inneres Gleichgewicht ins Wanken, und der Boden der Wirklichkeit, aus der ich soeben gekommen bin, ist plötzlich verschwunden. Jeder Schritt näher wird jetzt zu einem Balanceakt, und ich habe keine Ahnung mehr, worauf ich meine Füsse setze. Darauf zu achten wird jedoch völlig nebensächlich als ich merke, dass mich dutzende Augen anstarren – ein und dasselbe Gesicht dieser „Gefiederten Schlange“, aus allen Richtungen und in unzähliger Wiederholung. Unterliege ich hier einer Täuschung meiner Sinne, einer unnatürlichen Spiegelung unserer Wirklichkeit?


Teotihuacan: Tempel der Gefiederten Schlange

Was sind Wirklichkeiten? höre ich es schallend und in echohafter Wiederholung von der Pyramidenfront. Und es ist, als wäre alles hier in dröhnendes Lachen ausgebrochen. Das ist mitreissend, und ich lache auch. Alles ist wirklich, und du hast uns soeben erschaffen. Mein Lachen verstummt, denn … Du zweifelst? Weisst du nicht, wie mächtig ihr Menschen seid? Sobald ihr eure Angst ablegt vor uns „Göttern“, werdet ihr sehen, wer ihr wirklich seid. Ihr seid wir und wir sind ihr selbst. Viele werden euch vor dieser Fatamorgana warnen, weil sie nicht wollen, dass ihr eure wahre Kraft entdeckt. Aber es ist zu spät … wir können euch mit unseren Geschichten nicht mehr beeindrucken, weil ihr bereits entdeckt habt, dass ihr selbst diese Mythen mitgeschrieben habt. Und ihr habt erkannt, dass wir euer innerstes Lebenselixier sind. Aber bevor du diesen Tempel der Schlangenenergie in dir entdecken wirst, musst du noch den Weg der Läuterung und der Einweihung hinaufgehen. …

Im selben Augenblick stehe ich auch schon draussen an der sogenannten „Strasse des Todes“, und ich fühle wieder festen Boden unter meinen Füssen. Es ist unendlich heiss hier, und die entfernte Mondpyramide wirkt für mich unerreichbar. Händler und Souvenierverkäufer haben diese einst für heilige Zwecke benutzte Strasse in einen riesigen Marktplatz verwandelt, und es ist unmöglich, ungestört an ihnen vorbei zu kommen. Dennoch entsteht in mir der Eindruck einer stufenweisen Entwicklung von Kräften, je weiter ich dem Weg folge. Und als ich schliesslich die Sonnenpyramide auf der rechten Seite erreiche löst sich diese Vermutung in tiefes Wissen auf, und ich sehe mich an jener Energiestufe angekommen, welche im heiligen Kalender der Maya durch die Zahl Zehn ausgedrückt ist – das ist jene Kraft, mit der wir unsere bewussten Absichten in die materielle Welt hinein umsetzen. Die Mondpyramide am oberen Ende der Strasse ist somit der Abschluss dieser Einweihungsstrasse und der Rückkehrpunkt zu einem neuen Leben, symbolisiert durch die Zahl Dreizehn. Wenn sich in diesem Kalender das Zeichen der Sonne, Ahau, mit der Zahl Dreizehn vereinigt, dann bedeutet das immer den Abschluss von Zeitzyklen oder auch Zeitaltern, und neue Zyklen  werden beginnen. Die Strasse der inneren Läuterung und Initiation ist somit auch immer die Strasse des Todes, weil wir das alte Leben an ihrem Ende zurücklassen, um wieder ein neues zu beginnen.

Noch immer fasziniert von dieser tiefen Übereinstimmung von Wissen und praktischer Erfahrbarkeit fühle ich plötzlich einen Sog, der mich wie durch einen unsichtbaren Energietunnel in Richtung Mondpyramide nach vorne zieht. Es geht alles sehr schnell, und als ich mich auf der Südtreppe des Tempels gemeinsam mit vielen anderen Menschen und Lebewesen wiederfinde und nun auf die „Strasse des Todes“zurückblicke, wird es plötzlich völlig ruhig. Obwohl es gerade noch Mittag war, ist alles jetzt in einen Zustand der Dämmerung getaucht. Innen in der Pyramide geht ein Licht an, und der ganze Komplex erstrahlt nun nach aussen in einem orange-roten Licht. Die Quelle des Lichtes oben ist nicht sichtbar, aber alles um mich herum ist wie von einem starken elektro-magnetischen Feld umgeben. …

 

Stand: 05.10.07